Mystery’s Grave

grave

Was habe ich mich zu Schulzeiten durch Geschichtsbücher gekämpft! Jahreszahlen auswendig gelernt, mich mit Schlachten herumgeschlagen und berühmte Feldherren verfolgt auf ihren Kriegszügen quer durch die Länder. Hannibals Elefantenparade über die Berge hinterliess bleibenden Eindruck, der Herr von Winkelried mit seinem Schlachtruf «Sorget für mein Weib und Kind» avancierte gar zu meinem ganz persönlichen Helden. Vieles interessierte mich überhaupt nicht, da ich mich eigentlich nur mit Indianern und Seeräubern beschäftigen wollte. Doch einerseits betrachteten mich meine Mitschülerinnen mit schrägem Blick, da diese Kinderträume in der Höheren Töchterschule wohl vorbei sein sollten und andererseits gehörte es sich ohnehin nicht für eine junge Dame, sich mit Piraten zu befassen. Also bemühte ich mich weiter. Lernte und lernte und vergass das meiste sogleich wieder.

Zu begeistern vermochten mich schliesslich die unzähligen Geschichten über die Gräber, deren Erbauung, Entdeckung und Plünderung, in vielen Fällen Plünderung. Das weckte meine Neugier und ich machte mir zum ersten Mal Gedanken darüber, was ich mit in mein Grab nehmen würde. Die Gegenstände veränderten sich m Lauf der Jahre immer wieder, gleich blieb aber meine Neugierde für Grabstätten jeglicher Kultur. Die Pyramiden mit ihren Grabkammern hatten es mir eine Zeit lang richtig angetan, darauf folgten die Helden des Altertums. Ich las alles was mir in die Finger kam über keltische Gräber, besuchte in jeder Stadt, die ich bereiste, die weitläufigen Friedhöfe und stand irgendwann auch in der Normandie in Colleville-sur-Mer inmitten all dieser weissen Grabsteine und schaute aufs Meer hinaus. Ein Bild, das sich für immer eingeprägt hat.

All dieser feierlichen Orte zum Trotz gefallen mir die opulenten Gräber am besten. Überladen mit vielen Plastikblumen, die in Stein gehauenen Engelfiguren, wuchernde Pflanzen, die Wünsche, die den Toten mit auf den Weg gegeben werden. Es scheint mir, als würde nie jemand etwas Unschönes über die Toten sagen, überall ist von Wertschätzung und Liebe die Rede. De mortuis nihil nisi bene, das ist mir aus dem Lateinunterricht geblieben. Ich weiss nicht weshalb, doch das ist immer noch da. Ich habe nie verstanden, weshalb ich nicht einfach die Wahrheit über einen Menschen sagen kann, egal ob sie nun gut oder nicht so gut ist.

Wie auch immer, ich habe mich lange gefragt, was denn eigentlich geschieht, wenn jemand stirbt, der keine Angehörigen hat. Der ganz alleine ist. Oder jemand, von dem einfach niemand weiss, wer er ist – war. Vergessene Gräber, namenlose Gräber. Und da bin ich auf eine Geschichte gestossen, die mich sogleich aufhorchen liess.

In London soll es ein Grab geben, ein Grab von einem, der aus dem Nichts kam. Versteckt soll das Grab sein, von moosbewachsenen Backsteinmauern umgeben und mit Blumen bepflanzt. Es war nur eine kleine Notiz in einer alten Zeitung, doch diese vier Zeilen zogen mich sogleich in ihren Bann. Einer der aus dem Nichts kam, faszinierend.

Ich durchforstete Archive, fragte in Kirchgemeinden an. Ging unzähligen Hinweisen nach und wurde schliesslich in einer Pfarrei in Nordlondon fündig. Der Pastor erinnerte sich des Grabes, konnte mir aber keine Einzelheiten zur Geschichte erzählen. Er wusste nur, dass dort einer begraben war, der buchstäblich aus dem Nichts gekommen sei. Schon wieder dieser Ausdruck. Wie wir da im verblassenden Licht des Tages vor der Kirche standen und redeten, bog ein Herr in die schmale Strasse ein. Er hatte graues zerzaustes Haar, einen Schnurrbart und einen riesigen Fotoapparat umgehängt. Die beiden Herren begrüssten sich herzlich und es stellte sich glücklicherweise heraus, dass Mister Miller, wie der sympathische Mann hiess, die Pflege des Grabes übernommen hatte und auch die Geschichte dazu kannte. Ich wurde zu Tisch eingeladen, was ich mit Freuden und zugegeben auch mit gespannter Erwartung annahm.

Bei einem üppigen Mahl, begleitet von warmem Kerzenschein und einigen Gläsern samtenen Rotweins erfuhr ich die rätselhafte Geschichte vom Grab, das gleich hinter den Mauern des Esszimmers lag.

Es sei ein kühler Morgen gewesen, erinnert sich Mister Miller. Er sein in die Küche gegangen, die im untersten Geschoss des wunderschönen Hauses und ebenerdig zum kleinen Garten liegt. In morgendlicher Routine habe er sich einen Kaffee gebraut und noch etwas verschlafen aus dem beschlagenen Fenster geschaut. Und plötzlich sehe er einen kleinen Mann da stehen, direkt vor dem Fenster. Aus dem Nichts sei er aufgetaucht. Mit braunen, zerknitterten Kleidern sei er fröstelnd da gestanden und habe ihn nur mit grossen Augen durch das Fenster angeschaut. Erschrocken sei er hinaus gelaufen und habe ihn gefragt, woher er denn komme und wie er überhaupt in den Garten gelangt sei; der ist nämlich mit einer hohen Backsteinmauer umgeben. Kein Wort habe der Eindringling gesagt. Nur angeschaut habe er ihn. Und vor Kälte gezittert. Was tun in so einer Situation? Herr Miller rief zuerst einmal seine Frau, die ebenso fassungslos vor dem kleinen Mann stehen blieb wie er. Hineinzugehen erschien ihr dann die richtige Entscheidung zu sein, einfach einmal an die Wärme, sich hinsetzen und Tee aufbrühen, das sollte helfen. Gesagt, getan, nur – der kleine Mann sprach noch immer kein Wort. Die Millers liessen ihm ein Bad ein und während sie vor der Türe auf ihn warteten, begannen sie zu werweissen, wie dieser kleine Mensch wohl in ihren Garten gelangt sein konnte. Telefonate wurden geführt, Meldungen aufgegeben bei verschiedenen Ämtern, sie machten sogar einen Aufruf via Radio. Niemand schien den Herrn zu vermissen, niemand ihn je gesehen, die Nachbarschaft keine Notiz von ihm genommen zu haben. Der kleine Mann blieb ein Mysterium und bald sprachen sie ihn nur noch mit Mystery an. Mister Miller fand keine Ruhe, liess nicht locker mit seinen Anstrengungen, die Herkunft von Mistery zu ergründen. Seine plausibelste Erklärung war, dass er wohl mit einem Fallschirm aus weiter Höhe abgesprungen sein musste, da sich an keiner Mauer auch nur der kleinste Hinweis dafür fand, wo er hinüber geklettert sein könnte; was bei seiner Grösse auch praktisch unmöglich gewesen wäre. Allerdings fand Mister Miller auch nach intensiver Suche nirgends einen Fallschirm und so blieb Mistery eine Rätsel.

Die Hausgemeinschaft gewöhnte sich aneinander, man spielte Karten, schaute fern oder sass gemütlich im Garten. Und dieser Garten der hatte es Mistery angetan. Er verbrachte beinahe seine ganze Zeit darin, hegte und pflegte die Blumen, jätete Unkraut, schaute den Vögeln zu. Selten wagte er sich hinaus ins Quartier unter andere Menschen. Diese achteten ihn aber, waren sehr nett mit ihm und bald kannte jeder in der Umgebung den kleinen, scheuen Mann, der nie sprach aber immer sehr zuvorkommend war. Er gehörte einfach dazu und alle hatten ihn gern. Am liebsten aber hatte ihn Misses Miller. Sie verwöhnte ihn nach Strich und Faden und war begeistert von seiner Gartenpflege. Dieser Satz sprach Mister Miller mit einem Augenzwinkern und seine Frau verdrehte lächelnd die Augen. Ja, ja, meinte sie, es sei einfach eine wundervolle Zeit gewesen. Ja, gewesen, seufzte Mister Miller. Denn eines Nachmittags, als seine Frau Mistery zum Tee rief, kam er nicht. Sie fand ihn auf dem Rücken liegend inmitten seiner geliebten Blumen im Garten. Klein und zart habe er ausgesehen. Und friedlich. Sie beerdigten ihn an der Ostmauer des Gartens, ein kleines, unscheinbares Grab. So sei er immer in ihrer Nähe, sagten die Millers und halten sich bei den Händen. Ob ich das Grab sehen wolle?

Da stehe ich also, nur wenige Minuten später, halte ein Glas Rotwein in der Hand und beuge mich über das Grab, das kaum noch zu erkennen ist. Moosbewachsen die Gartenmauer, nebelfeucht der kleine Grabstein, ein von zarten pastellfarbenen Blumen überwucherter Erdhügel. MYSTERYS GRAVE, steht da. Ein zauberhafter Ort für die letzte Ruhestätte von einem, der aus dem Nichts kam, ein Stück vom Glück brachte und leise wieder ging. Auf dich!

Dance in the Graveyards by Delta Rae
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