Braun

schoggi

Mir hat die Farbe Braun noch nie richtig gefallen. Das liegt vermutlich daran, dass meine ersten Erinnerungen an Braun braune Manchesterhosen sind. Braun waren sie und ich musste sie von meinem älteren Bruder nachtragen. Und das passte mir gar nicht, wollte ich doch unbedingt rote Hosen, oder orange, das wäre noch viel besser gewesen. Aber nein, sie waren braun und ich sorgte rasch möglichst dafür, dass die Farbe nicht mehr erkennbar war. Ich verdreckte sie nach allen Regeln der Kunst. Gut so, denn die Farbe von getrocknetem Lehm gefiel mir bedeutend besser.

Braun waren auch meine Haare. Dass mich das störte wurde mir allerdings erst bewusst, als ich zu lesen begann und in all den Feen-, Märchen- und Zwergengeschichten, die ich regelrecht verschlang, hatten meine Heldinnen immer rote, gelbe oder blaue Haare. Das gefiel mir sehr! Blaue Haare, das wäre doch was gewesen. Aber die meinen waren braun und langweilig und hingen da einfach so herunter und wieder fragte ich mich, weshalb es die Farbe Braun überhaupt gab. Wer hatte Braun erfunden? Ich erhielt nie eine schlüssige Antwort darauf und wen ich auch immer danach fragte, braun schien es einfach zu geben. Und so blieb es mir ein unerwünschter Begleiter in Form von Kleidern, Gummistiefeln, Bucheinbänden und Fahrrädern.

Die Siebzigerjahre kamen und mit ihnen die bemerkenswerte Kombination der Farben braun, olivgrün und orange. Orange wäre ja ganz in Ordnung gewesen, aber braun und olivgrün – entsetzlich. Doch bevor ich mich versah, war unser Haus mit dunkelbraunem Teppich ausgelegt und ich verzog mich nach Möglichkeit in den Estrich, wo alles aus Holz war und das gefiel mir bedeutend besser. Das änderte sich dann noch massiv, aber damals erschien mir alles erträglicher als Braun.

Da sich mir meine Welt noch ganz und gar fernsehfrei präsentierte, war dies auch die Zeit der Hörspiele. Hörspiele liebte ich. In den dunklen Winternächten vor dem Kamin zu sitzen, heisse Schokolade zu trinken und auf DRS 1 einem Hörspiel zu lauschen. Das war toll! Francis Durgbridge-Krimis waren angesagt und mein Favorit handelte von Paul Temple und dem Fall Alex, in dem jemand von einem Mädchen in braun verfolgt wurde. An den genauen Zusammenhang erinnere ich mich nicht mehr, doch die nächtlichen Verfolgungen sind mir unter die Haut gegangen. Wir stellten uns die schauerlichsten Szenen vor, tauchten in nebelverhangene Gassen ein, schauten uns nervös in unserem Wohnzimmer um, froren auf imaginären dunklen Strassen und kuschelten uns in warme Decken, wenn das Mädchen in braun durch die Herbstnacht schritt. Die Schritte – wir hörten sie aus den Lautsprechern mit einem leichten Hall und das war richtig gruselig. Dennoch versöhnten mich genau diese Szenen ein ganz klein wenig mit der Farbe Braun, da ich zum ersten Mal etwas sah, das mir in Braun gefiel – auch wenn das Mädchen in braun nur in meiner Vorstellung existierte.

Versöhnung hin oder her, meine Haare wurden mit der Entdeckung von Henna trotzdem zuerst orange, dann rot und später dunkelrot gefärbt. So gut hat mir braun dann doch nicht gefallen. Selbst die Blockflöte habe ich golden angemalt, da ich sie in Braun einfach nicht ausstehen konnte. Entgegen meinen Bemühungen, braun möglichst aus meinem Alltag zu verbannen, kam ich auf den Geschmack von Lederstiefeln, die aus weichem, dunkelbraunen Wildleder gefertigt waren. Aus der Ich-laufe-nur-noch-in-einem-weissen-Nachthemd-durch-die-Gegend-und-spiele-Flöte-und-habe-orange-Haare-Zeit wurde die Ich-trage-nur-noch-bestickte-Jeans-und-Lederstiefel-und-habe farbige-Bänder-in-den-Haaren-Zeit. Die Accessoires in jenen Tagen waren fast zwanghaft braun und ich verliebte mich tatsächlich auch einmal in einen braunhaarigen Jungen. Sollte eine Ausnahme bleiben, das mit den braunen Haaren meine ich, aber all diese Veränderungen stimmten mich langsam aber stetig milde gegenüber meinem ungeliebten Braun.

Ungeachtet dessen – mir gefiel die Farbe noch immer nicht richtig.

Und dann das.

Ich betrete einen Raum voller Menschen, bin wieder einmal zu spät, was in letzter Zeit wirklich eine Seltenheit geworden ist. Ich bin gerne pünktlich, es fühlt sich einfach besser an, doch das ist jetzt völlig irrelevant, da ich eben zu spät bin. Ich versuche mich auf dem knarrenden Boden möglichst leise zu einem freien Stuhl zu schleichen, was mir natürlich nicht gelingt. Auch egal, ich bin jetzt da. Konzentration ist gefragt, sich eingeben, aufmerksam sein. Tu ich alles, gespannte Wachsamkeit im Raum, das Interesse am Geschehen ist bei allen offensichtlich. Ich nehme die anderen Menschen nicht wirklich wahr und ich weiss schon nach einigen Minuten nicht mehr, wer wie heisst, wer wie gekleidet ist und wer welche Haarfarbe hat, meine sind mittlerweile grau durchzogen. Ist auch nicht wichtig, es geht ja um ganz andere Dinge.

Und dann, zwei Augen.

Wie schnell verändert sich die Welt? Wie viel Zeit ist nötig, um ein Leben auf den Kopf zu stellen? Irgendjemand sagt irgendetwas was ich nicht verstehe und da sind sie, die zwei Augen. Ich bin schon eingetaucht, bevor ich überhaupt merke, was da gerade geschieht. Warm ist es dort, warm und weich und wohl. Vertraut gar. Ich bin dort zu Hause. Wäre ich eine Comic-Figur, würden über meinem Kopf so drei kleine Bläschen gezeichnet sein, immer etwas grösser werdend und zuoberst eine fette Blase, in der sich eine Million Bilder tummeln würden. Im Zeitraffer spielen sich Szenen ab, die ich nicht beeinflussen kann. Die Verbindung ist da, es läuft einfach. Einfach schauen und hoffen, dass ich auf wundersame Weise innerhalb einer Sekunde gelernt habe, die Zeit anzuhalten. Weshalb lernt man so viele unnütze Dinge und nie diejenigen, die wirklich überlebenswichtig sind? Was nützen mir Wurzelziehen im Quadrat, Chemieexperimente oder Jahreszahlen von heroischen Schlachten, wenn ich schlicht und einfach die Zeit anhalten will?

Fasziniert, elektrisiert und doch ganz ruhig. Ich schaue in ein Paar braune Augen. Ausgerechnet braun – es gibt keine schönere Farbe.

Brown Eyed Blues by Ben Harper at Trey Macias’s Senior Recital
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