Elf

wicht

Es ist dieser Moment zwischen Schlafen und Wachsein, diese paar sorglosen Augenblicke, in denen man nicht weiss, wo man sich befindet, welcher Tag ist, wie man heisst und auf welchem Planeten man eigentlich wohnt. Genau im ersten dieser Augenblicke öffne ich zögernd die Augen, sehe nur verschwommen und habe tatsächlich keine Ahnung, wo ich bin. Es ist angenehm warm unter der Decke, unten ist es wärmer und ich stelle mir vor, dass die Sonne auf meine Füsse scheint. Ein Wohlgenuss.

Von weit her höre ich gedämpft einige Kuhglocken, ein Traktor fährt vorbei – also ich nehme an, es sei ein Traktor. Dieses dumpfe leicht knatternde Geräusch ist mir vertraut. Ein Rabe krächzt, einige Vogelstimmen sind auch noch da und noch etwas ganz anderes, das ich überhaupt nicht einordnen kann. Ich stutze, öffne die Augen jetzt richtig und horche konzentriert ins Zimmer hinein.

»Wir wissen die Zahl nicht« höre ich eine piepsende Stimme sagen. Es ist eher ein Stimmlein, fein, leise und eben – piepsig.
»Wir wissen nicht, was die nächste Zahl ist, was sollen wir bloss tun?« ertönt es da wieder neben meinem Bett.

Ganz vorsichtig hebe ich den Kopf etwas an, um über den Matratzenrand hinunter auf den Boden zu spähen. Da steht die Nachttischlampe, mein Buch liegt etwas abseits und ist noch immer aufgeschlagen, meine Armbanduhr, die zwanzig nach sieben anzeigt und mein iPhone und – und das ist jetzt wirklich wahr – auf dem iPhone steht ein kleiner Wicht. Er ist vielleicht 5 cm gross, furchtbar dünn und hat einen für seine Körpergrösse viel zu grossen Kopf. Spitze abstehende Ohren, kugelrunde Augen und eine lange, dürre Nase. Er steht da, schaut aufmerksam auf das Display und sagt immer wieder vor sich hin:
»Wir wissen die Zahl nicht mehr, was sollen wir jetzt tun?«

Ich öffne den Mund und kriege ihn nicht mehr zu. Mit einem Ruck setze ich mich auf, kneife mich in meine Wange und warte darauf, dass ich aufwache. Aber nichts dergleichen geschieht. Einzig von unten höre ich ein erschrockenes »Uiuiui«. Ganz langsam drehe ich meinen Kopf nach links und wage nochmals einen Blick auf den Boden und tatsächlich, da liegt noch immer mein iPhone und auf dem Rand des Displays steht ein jetzt erstarrter kleiner Wicht und schaut mich mit weit aufgerissenen Augen an.
»Wer bist du? Oder was bist du? Kannst du mich verstehen? Und was tust du überhaupt hier und weshalb stehst du auf meinen iPhone?«

Zuviele Fragen, doch ich kann mich nicht zurückhalten und starre das kleine Wesen neugierig an. Dieses wiederum öffnet seinen Mund, schliesst ihn gleich wieder und so geht das eine ganze Weile, bis es laut und deutlich sagt:
»Wir wissen die nächste Zahl nicht. Wisst ihr sie?«
Etwas verdutzt sitze ich auf meinem Bett und antworte das, was mir einfach zuerst in den Sinn kommt:
»Meine Lieblingszahl ist vierundsechzig, aber das sind ja zwei Zahlen. Also sechs und vier….« doch bevor ich weiterreden kann, unterbricht mich das kleine Ding:
»Haben wir schon ausprobiert, das geht nicht, es funktioniert nicht, wir brauchen eine neue Zahl!«
»Und wozu denn? Willst du jemanden anrufen oder was?«
»Anrufen?, Was ist denn anrufen?«

Ich bin etwas verwirrt, nicht nur, weil da ein kleiner Wicht steht, der mittlerweile auf meinem Telefon hin und her hüpft, sondern auch, weil ich mir nicht vorstellen kann, was man sonst mit einer Zahlenkombination auf einem Telefon noch anstellen kann.
»Sag mal« versuche ich erneut, »wie heisst du und woher kommst du….«
Ich werde abermals mit einem leicht genervten Seufzer unterbrochen:
»Dürfen wir vorstellen: Wir sind Flabsko Baba, der Wicht.« Mit diesen Worten neigt er den Kopf und schaut mich dann erwartungsvoll an.
»Mein Name ist Ursula, ich bin ein Mensch« erwidere ich und versuche ein nettes Gesicht zu machen, was mir wohl nicht wirklich gelingt, denn ich höre nur ein Prusten, ein piepsendes Lachen und der Wicht Flabsko Baba schüttelt sich am ganzen Körper.
»Das wissen wir doch! Was denkt ihr, wie lange wir schon hier in diesem Haus leben? Hunderte Jahre! Wir waren schon hier, als da draussen in der Küche noch jeden Tag ein Feuer brannte. Das war wirklich sehr angenehm, wir haben nie geforen und konnten uns nachts in die warme Asche legen. Aber jetzt sind wir schon alt und unser Rücken schmerzt und wir müssen unbedingt etwas dagegen tun, sonst erwischt uns der grosse Tiger und frisst uns auf. Genau so ist es unserem Freund ergangen!«

Verzweifelt wendet er sich wieder dem Display zu und murmelt leise vor sich hin:
»Wir wissen die Zahl nicht, wir wissen einfach die Zahl nicht….«
Ich kann keinen klaren Gedanken fassen, sitze reglos auf meinem Bett und kann die Augen nicht vom Kleinen, von Flabsko Baba wenden. Habe ich über Nacht den Verstand verloren? Bin ich in einer ganz anderen Welt und wenn ich zur Schlafzimmertüre hinaus gehe, ist alles fremd und neu und ich bin hier gefangen? Oder wäre das auch noch interessant? Sollte ich es versuchen? Sollte ich aufstehen? Ich bin vollkommen ratlos und ideenfrei.

Der Wicht hüpft noch immer planlos auf dem Display herum, hält plötzlich inne und sagt nachdenklich:
»Wir nehmen jetzt einfach mal ganz spontan die Elf, also eine Eins und eine Eins…«

Gesagt, getan. Er hüpft auf die Eins, springt mit einem kleinen Hopser in die Luft und gleich nochmals auf die Eins, tritt vorsichtig in die Mitte der glänzenden Fläche und schaut erwartungsvoll auf seine Füsse.

Unvermittelt beginnt das iPhone zu vibrieren und Flabsko Baba legt sich blitzschnell auf den Rücken und lässt sich durchschütteln. Er räkelt sich, dreht sich auf die eine und dann gleich wieder auf die andere Seite und strahlt vor sich hin. Fasziniert schaue ich dem Treiben zu, möchte grad etwas sagen, als das Vibrieren endet und von ganz weit her eine Stimme zu hören ist:

»Lenzlinger, hallo? Wer ist da? Hallo!«

Instinktiv greife ich zum Telefon, Flabsko Baba rettet sich hinter die Nachttischlampe und ich teile der verwunderten Frau Lenzlinger mit, dass ich mich wohl verwählt hätte und es mir leid täte. Sie zweifelt an meinem Verstand, da ich doch einige Male täglich ihre Nummer wählen würde und ich mich doch endlich um die richtige Nummer kümmern solle und so weiter und so fort.

Wenn die wüsste!
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