Märli

maerchen

Vor langer langer Ziit isch emal e Königin i irem Schloss am Fänschter gsässe und hat gnäit. Oh, wie ich sie verehrt habe, die Frau Gerster! Es heisst, sie habe ganze Generationen in die Welt der Märchen geführt. Mir hat sie die Welt, in die ich geboren wurde, überhaupt erst zugänglich gemacht.

Geschichten erzählt zu bekommen war schon immer etwas, das ich ohne wenn und aber geliebt habe. Früher wie heute. Sie waren meine Rettung aus einer Welt, in der ich nicht zurecht kam. Oft erschien mir schlicht alles, was sich um mich herum abspielte, unverständlich, kompliziert und meist langweilig. Nie wusste ich, wie ich mich verhalten sollte, damit ich keine Probleme oder Schimpfis bekam und das, was mich wirklich interessierte und neugierig machte, durfte ich nicht tun weil zu gefährlich, nur für die Grossen oder nur für Buben. Ein unhaltbarer Zustand für mich, was dann meist dazu führte, dass ich alle Ermahnungen in den Wind schlug, zu hoch hinauf kletterte, hinunter fiel und mir die Stirn aufschlug, zu riskante Kurven mit den Rollschuhen zog und prompt mein Handgelenk brach oder mir einen Kampf mit dem dicken Viktor aus der vierten Klasse lieferte, den ich zwar lebend überstand, aber mit zwei arg blutenden Knien und einem Riss in meiner linken Wange nach Hause kam. Wie gesagt, ich kam mit dem Leben nicht so recht zurecht.

Doch wenn ich dann jeweils verarztet und frisch verpflastert oder dick verbunden auf unserem Manchestersofa sass und eine Geschichte vorgelesen bekam, dann, ja dann war meine Welt in Ordnung. Nicht nur, weil ich aufgehoben und umsorgt war. Nein. Sondern weil ich den Geschichten nicht nur zuhörte. Ich tauchte in sie ein und verschwand in ihnen. Hatte plötzlich unendlich langes blondes Haar und musste in einem hohen Turm wohnen, aus dem ich nicht entkommen konnte (ich war mir schon damals nicht ganz sicher, ob das wirklich ein Müssen war, denn es schien mir doch sehr verlockend, in so einem Turm zu wohnen…einerseits). Schaute stundenlang aus dem kleinen Fenster hoch oben und träumte davon, weit unten mit nackten Füssen über das weiche Gras hüpfen zu können (das war dann andererseits wieder etwas, das ich sehr gerne tat und mich dann also doch entschied, dass das eine Strafe sei, in so einem hohen Turm ausharren zu müssen). Ich war erschöpft und weinend am Linsen aussortieren, sprach mit den Tauben und schlief in der Asche (das fand ich immer sehr schlimm, denn ich musste immer husten, wenn ich mich in der Asche umdrehte. Wirklich unangenehm). Verirrte mich in einem dunklen Wald, streute Brotkrumen, wurde in einen hölzernen Käfig gesperrt und fürchtete mich davor, von der bösen Hexe gekocht zu werden (das wollte ich ausprobieren und hielt bei nächster Gelegenheit meine Hand auf die heisse Herdplatte um festzustellen, ob das sehr weh tut, diese Hitze und so – das war keine gute Idee und ich trug lange einen hässlich hellbraunen Verband). Oder ich schlief hundert Jahre in einem Himmelbett, hatte wieder blondes Haar und wurde eines sonnigen Morgens von einem Prinzen gerettet (das hat mir immer sehr gut gefallen, ein Himmelbett war ab diesem Moment mein sehnlichster Traum). Dass all diese Geschichten immer ein wunderschönes Ende fanden, meist mit einem rauschenden Fest, das beruhigte mich ungemein und ich malte mir immer alles in den glitzerndsten Farben aus und war absolut überzeugt, dass mein Leben auch mit einem grossen Fest enden würde (das steht mir also noch bevor, wir werden sehen). Ich lebte in diesen Märchen und war dort zu Hause.

Eines Tages fuhr ich mit meiner Mutter im Postauto nach Zürich und sie erklärte mir, dass da eine Frau Geschichten erzählen würde und mir dies sicher sehr gut gefallen würde. Als wir dann im Hechtplatztheater sassen und auf der Bühne vorne nur ein Ohrensessel und eine Ständerlampe standen, da war ich doch etwas enttäuscht und überlegte mir, was das denn alles soll, dieses ganze Theater und so viele Kinder und diese ganze Aufregung und alles nur wegen einem Stuhl und einer alten Lampe. Eine Frau gab es da nämlich nicht.

Plötzlich gingen im Saal die Lichter aus und dann kam sie.

In einem weissen Kleid betrat sie die Bühne, setzte sich auf den Stuhl und lächelte mich an. Ich war damals ganz sicher, dass sie nur mich angelächelt hat. Und wie sie gelächelt hat! Sie sagte irgendetwas, doch ich sah nur dieses strahlende Gesicht und das weisse Kleid, das mit Blumen bestickt war und im Schein der Lampe bei jeder Bewegung funkelte. Ich war hin und weg. Bedächtig schlug die Frau ein dickes Buch auf und begann zu erzählen. Und das war es. Meine Geschichten. Meine Welt. Meine Rettung. Da wollte ich sein.

Von diesem Tag an veränderte sich alles. Ich erschuf mir eine eigene Welt, in die ich jederzeit und überall eintauchen konnte. Ich sprach mit jedem Käfer und war mir dabei sicher, dass er eine verzauberte Prinzessin sei, die es zu retten galt. Unser Garten war plötzlich voller schillernder Lebewesen und ich bewegte mich zwischen Gnomen, bösen Zauberern, listigen Hexen, lustigen Zwergen und singenden Feen und fühlte mich zum ersten Mal richtig zu Hause. Niemand konnte meine neuen Freunde sehen, niemand konnte sich einen Reim darauf machen, weshalb ich meine Zimmerarreste plötzliche mit Begeisterung antrat, niemand verstand meine Angst, wenn ich hinter dem Haus etwas Rhabarber holen sollte und ich partout nicht dahin gehen wollte, weil dort doch der dicke schleimige Burgul hauste, der mich immer anstarrte und beim reden pinkfarbene Spuke in der Gegend herum spritzte. War mein Zauberpulli in der Wäsche gelandet, getraute ich mich auch nicht mehr in den Keller, zu ungewiss die Situation, die ich dort antreffen würde. Da unten hausten nämlich die gemeinen Monster, die mich hinterrücks stupften, worauf ich hinfiel. Die lieben Kuschelmonster wohnten unter meinem Bett. Allerdings durften sie erst herauskommen, wenn alle schon schliefen, da meine Mutter sie sonst sicher aus meinem Zimmer verbannt hätte, wenn sie mich mit ihnen lachen gehört hätte. Oder sie hätte wenigstens so getan, als würde sie sie hinausschicken, denn sehen konnte sie die drei pelzigen Ungetüme ja nicht.

Was dieser Nachmittag im Hechtplatztheater aber auch noch bewirkte, war, dass ich unbedingt und sofort lesen können wollte. Ich konnte ja nicht immer warten bis jemand Zeit fand, mir eine Geschichte vorzulesen. Da vergingen ja Jahre! Ich wollte lesen. Herausfinden, woher all die zauberhaften Erscheinungen und all die unheimlichen Figuren kamen. Also lernte ich lesen. Schnell. Zuerst sprach ich einfach alles nach, was meine älteren Geschwister lernen mussten, die ja schon gross waren und viel für die Schule lernen mussten. Ich sass mit ihnen am Tisch und lernte alles auswendig bis ich lesen konnte. Später verkroch ich mich auf der stattlichen Platane im Garten, unterhielt mich noch kurz mit den Wurzelmännchen, die sich wie immer über die rücksichtslosen Eichhörnchen beklagten, und dann las ich. Zuerst kurze Geschichten, meist Märchen. Dann unzählige Bücher mit den so unglaublich starken und tapferen Mädchen. Oft vergass ich, dass es da draussen noch eine Welt gab, in der man Tische decken und Geschirr abwaschen musste. Ich tat aber auch das, erledigte auch meine Hausaufgaben im Nu und versuchte, nicht mehr so oft aufzufallen  – Hauptsache, ich hatte meine Ruhe und konnte mich der Ausdehnung und Ausschmückung meiner Welt widmen.

Man kann jetzt natürlich sagen, das sei eine Fluchtwelt, ich würde die Realität verdrängen und das wäre jetzt vermutlich für jeden Psychiater und jede Psychologin ein gefundenes Fressen und es gäbe sicher ganz viel Bedeutendes und Erklärendes dazu zu sagen, was dies jetzt über mich und mein Leben und mein Verhalten und und und aussagt. Kann schon sein. Ich kann jedoch versichern, mir geht es gut. Gerade wegen dieser meiner Welt. Ein Leben ohne sie würde ich nicht überleben. Frau Gerster sei Dank – sie war meine Heldin im weissen Kleid und wird das wohl immer sein.
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