Häuser

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Vermutlich bin ich vorbelastet, was das Thema Architektur anbelangt. Jedenfalls bin ich gerne bereit, ein ganzes Mittagessen lang über Häuser, ihre Bedürftigkeiten und die Herausforderungen, vor die sie uns stellen, zu sprechen. Wie eben heute. Sie betreut Immobilien, meine Gastgeberin, und das mit Begeisterung und entsprechend hohem Einsatz. Manchmal. Heute war jedoch so ein Tag, an dem sie sich ihre Schwierigkeiten mit einem furchtbar komplizierten und anmassenden Hausbesitzer von der Seele reden wollte und ich hörte zu. Wie gesagt, was Häuser und die damit verbundenen Angelegenheiten angeht, bin ich etwas voreingenommen. Im positiven Sinn. Die Gespräche über Handwerker, die beeindruckende Arbeit leisten oder eben nicht, über fehlerhafte Plattenmuster, Küchengrössen, Treppenläufe, WC-Platzierungen und Verputzarten begleiteten mich von Kindesbeinen an. Die unzähligen Besuche in tiefen Baugruben, zugigen Rohbauten und bezugsbereiten Häusern sind unvergesslich und waren lange Zeit ein fixer Bestandteil meines Lebens. Die Freude an formschöner und einfacher Architektur habe ich mir erhalten. Allerdings kann ich getäferte Zimmerdecken, hellbraun verputzte Wände und Textilbodenbeläge nicht mehr sehen. Nicht dass ich dies in Kindertagen oft zu Gesicht bekommen hätte – die Täferungen schon – doch das Auge wird verwöhnt und die geschmacklichen Präferenzen geprägt und so habe ich eine richtiggehende Aversion gegen Novilon, Kork, Spannteppiche und die Farbe dunkelbraun entwickelt.

Wie auch immer, heute haben wir wieder einmal über Häuser geredet, gelästert und gelacht. Das Essen war exzellent und endete damit, dass ich beim ausgezeichneten Rhabarber-Erdbeer-Kompott(heiss)-Sauerrahmgalcé-Dessert versprach, ihr eine Geschichte über Häuser zu schreiben. Und hier kommt also meine kurze Geschichte über Häuser für die wunderbare Immobilienfrau – danke tausend für das köstliche Essen!

»Du stehst mir in der Sonne, schon wieder.«
Betont langsam drehte sich die neue Wohnsiedlung um.
»Sprichst du mit mir?« entgegnete sie leicht überheblich und klopfte sich mit dem obersten linken Balkon etwas Feinstaub vom Dach.
»Siehst du hier sonst noch irgend ein Haus« tönte es verärgert aus der Tiefe zurück, »seit du das 10. Stockwerk erhalten hast, liegt mein Garten im Schatten. Und ich muss den ganzen Tag diese unmöglichen Holzlatten anstarren. Du siehst aus wie ein Hühnerstall.«
»Das sind nicht einfach Holzlatten! Das ist Minergie Standard, total en vogue, es macht mich richtig schlank und ist nebenbei auch noch energieeffizient!«

Das stattliche Patrizierhaus brummte etwas Unverständliches vor sich hin und schloss resigniert die Fensterläden im Dachgeschoss. Früher, ja früher hatte es eine traumhafte Aussicht gehabt auf weiss verschneite Wiesen, die in der Sonne glitzerten, auf den schmalen Weg dazwischen, auf dem die Kinder zur Schule marschierten und sich eine Schneeballschlacht lieferten, auf die sorgfältig zusammengebundenen Stauden im Garten des Pfarrhauses und weiter unten gar auf den See. Es war ihm ziemlich egal, welche Bezeichnung diese unerfreulichen Holzlatten hatten und was sie an der Überbauung bewirken sollten. Mit einem Seufzer sank es ein ganz klein wenig in sich zusammen und betrachtete sein verblichenes Mauerwerk. Die guten alten Zeiten…

»Bist du noch da?« unterbrach die energiesparende Diva seine Gedanken, »was tust du da unten? Zählst du die Risse in deiner Fassade? Oder versuchst du deinen alten Kamin durchzupusten?«
Ich habe in meinen ganzen hundert Jahren nicht mit so einem Ungetüm gesprochen und werde auch jetzt nicht damit beginnen – wobei, vielleicht…
»Was siehst du von da oben, ist der See schon zugefroren? Siehst du den feinen Nebel über dem Weiher in Pfarrers Garten?«
»Oh ich kann dir sagen» kam es überraschend schnell zurück, »mich kratzt es im Hals, da irgendeines von den Häusern da unten am See ein Feuer angezündet hat, doch die verstehen absolut nichts vom anfeuern, weisst du, die da aus dem noblen Quartier, nicht so wie wir.«
»Wie wir, genau« entgegnete das Patrizierhaus schmunzelnd und klapperte belustigt mit seinen Vorfenstern. »Erzähl mir doch von deinen Bewohnern. Weisst du, bei mir sind nur noch zwei hier, es ist immer sehr ruhig und nur ab und zu knarrt ein Dielenbrett. Wie ist es bei dir so?«
»Das kannst du dir kaum vorstellen. Ein kommen und gehen ist das…«

So ging das Gespräch den ganzen Tag hin und her und als die Sonne untergegangen war, auf beiden Seiten die Lichter durch die Fenster schienen und die Nacht sich über die klirrend kalte Landschaft legte, war nur noch ein schon leicht heiseres:
»Auf eine prima Nachbarschaft, du altes Haus. Gute Nacht« zu hören.

Doch die Antwort blieb aus. Die betagte Villa war bereits eingeschlafen und knirschte nur ab und zu zufrieden mit ihrem Gartentor.

Our House – Madness
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