Bucket List

maerli

Ich muss sofort an Hodler denken, als ich auf dem Heimweg die Quaibrücke überquere. Die Wolken türmen sich dramatisch über dem See, die Möwen ziehen kreischend ihre Bahnen und der Wind fegt mir meine Haare aus dem Gesicht. Und er ist warm, der Wind, es ist endlich so etwas Ähnliches wie Frühling geworden. Das tut gut. Ich geniesse die Tatsache, dass dieser Sturm die letzte Wintermüdigkeit davonträgt und einem aus dem Nichts auftauchenden Optimismus Platz macht. Mit einem Mal fühlen sich die Schritte leicht an und alles scheint möglich. Das Licht wechselt schnell, was für einen kurzen Moment im gleissenden Sonnenlicht aufblitzt, ist nach wenigen Sekunden bereits wieder in ein düsteres Grau gehüllt. Ich sage dem jeweils ‚richtig Wetter haben‘ und ich liebe es!

Der Kiosk auf dem Bürkliplatz ist geöffnet – eigentlich ist es eher ein kleines openair Restaurant. Man kann da an der Theke Süsses und Salziges bestellen, im Sommer ist das Angebot dann eher fleischlastig, da vor dem kleinen Häuschen ein wirklich beeindruckender Grill steht, auf dem den ganzen Tag über die unterschiedlichsten Würste gebraten werden. Und Gemüse – die Betreiber haben sich bereits auf das sich wandelende Gesundheitsbewusstsein der Kundschaft eingestellt. Und natürlich wird fleissig Bier konsumiert, denn den Wein kann man kaum trinken, so sauer ist er. Doch momentan ist Tee und Kaffee der Renner, Hauptsache warm.

Die Holzbänke auf dem Platz sind leer und an den Stehtischen lehnen zwei Männer, ihre Mantelkragen hochgestellt. Beide starren vor sich und rauchen schweigend. Ich lasse sie ihren Gedanken nachhängen, bestelle einen Milchkaffee zum Mitnehmen und erwische grad noch die letzte Sekunde der Grünphase, um wieder auf die Seeseite zu gelangen. Ich stelle mich neben Ganymed und halte den heissen Kartonbecher mit beiden Händen umschlossen, um jedes Quäntchen Wärme aufzunehmen. Hinter mir höre ich das Rauschen des Abendverkehrs und ab und zu knirschende Schritte, die sich eilig über den Kiesplatz entfernen. Der mittlerweile fauchende Frühlingssturm treibt mir die Tränen in die Augen, mein Kaffee ist auch schon ganz lau, doch wie ich auf das gepeitschte Wasser hinausschaue, tragen mich meine Gedanken fort. Ich bin bereits weit weg.

Ich sehe das Meer, immer wieder das Meer. Fühle die feinen Tröpfchen der Gischt auf meinem Gesicht, kann beinahe das Salz auf meinen Lippen schmecken. Die Wellen knallen donnernd an die Klippen und weit über der Strand braut sich ein Gewitter zusammen. Ich könnte stundenlang da stehen, doch so warm ist der Wind dann doch wieder nicht und ich beginne zu frösteln. Wie gerne hätte ich ein Haus am Meer. Das ist ja fast ein Mantra, so oft habe ich mir das schon vorgesagt. Ein Haus am Meer, ein kleines nur, oben auf den ockerfarbenen Klippen. Dunkelrote Bougainvillea, die sich um die Pfosten ranken. Unten eine kleine Bucht, ein Fischerhafen, eine Kneipe, fünfzehn Häuser. Ein Traum. Ich schüttle energisch den Kopf, zerknülle den Becher und werfe ihn in das nächste Abfalldings, das aussieht wie ein Haifischmaul – und treffe sogar. Ein Glückstag also. Ich nehme zwei Stufen auf’s Mal und stolpere prompt auf den Platz vor der Schiffsstation hinunter, kann mich grad noch auffangen, doch da ist plötzlich ein Velo und es ist schlicht unvermeidlich – wir stossen zusammen. Der Velofahrer hatte die Hände in seinen Taschen vergraben und war ganz entspannt den Radweg entlang gefahren. Und jetzt liegen wir da also beide am Boden. Schon wieder Glück, denn wir sind beide unverletzt, entschuldigen uns gegenseitig und etwas hastig und rappeln uns auf. Das würde ich auch gerne könne, sage ich noch und lächle ihm zu – freihändig Velofahren. Seine Antwort ist knapp und eigentlich ganz logisch. Er sagt einfach: Dann lerne es doch! Ja aber unbedingt, das werde ich tun, muss ich einfach noch hinkriegen im Rest meines Lebens. Und da ist es schon wieder – dieses ich würde so gerne, hätte gerne, möchte noch, wünschte mir.

Augenblicklich sehe ich Jack Nicholson und Morgan Freeman vor mir. Die zittrigen, weissen und schwarzen Hände, die eine Liste schreiben mit lauter Wünschen drauf, die es sich vor dem Tod noch zu erfüllen gilt. Ich kann mich nicht mehr an alle erinnern, doch in diesem Moment weiss ich, dass ich auch so eine Liste schreiben werde. Ich habe zwar noch keine Ahnung, was da dann alles so draufstehen wird, doch der erste Eintrag steht fest: Freihändig Velofahren. Das ist ein guter Anfang.

(The Bucket List – Say – John Mayer)
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