Anonym

laempli

Ich muss  nicht einmal auf das Display meines Telefons schauen um zu wissen, dass es wieder dieser Jemand ist, der jeden Tag um 10.36 bei mir anruft. Dieser Jemand sage ich, weil auf der Anzeige nur ‚Unbekannt‘ aufleuchtet. Ich weiss nicht, ob es eine Frau oder ein Mann ist, die oder der anruft, doch nach all diesen Tagen habe ich mir im Kopf ein Bild zusammengesetzt, das mir einen Mann zeigt. Es ist ja grundsätzlich unangenehm, wenn anonyme Anrufe eingehen, in der Regel nehme ich diese auch nicht entgegen, doch aus einem Grund habe ich dem zuwider gehandelt und seither hören wir uns zu.

Es ist der Anschluss meines Festnetzes, was mich gleich beim ersten Mal schon wunderte. Das Festnetz ist den offiziellen Stellen vorbehalten. Meine Versicherungen, das Steueramt oder die nette Dame der Hausverwaltung rufen mich jeweils über diese Nummer an. Und jetzt auch noch ein Irgendjemand. Am ersten Tag war ich eher verdutzt und tippte auf verwählen. Am zweiten Tag regte ich mich schon auf, am dritten sogar sehr, läuten lassen ging mir jedoch auf die Nerven und nach etlichen Versuchen mit nachfragen, verärgert nachfragen und schliesslich wütendem Schreien entschloss ich mich dazu, einfach nur ruhig zu sein und zuzuhören. Dem Knistern in der Leitung, den leisen, regelmässigen Atemgeräuschen, dem Rauschen im Hintergrund, das vereinzelt zu hören ist. Ich kann nicht sagen, wie lange dieses Zuhören jeweils dauert, vermutlich zwei drei Minuten, was eine lange Zeit ist mit all dieser Stille, die ja dann doch keine ist. Wer beendet die Verbindung zuerst, überlege ich mir jedes Mal, wer fällt aus der Gewohnheit, die es inzwischen schon ist, wem wird es als Erstes unangenehm. Wobei das Wort unangenehm nicht ganz korrekt ist, denn beide rufen wir an resp. heben wir den Hörer ab. Unangenehm trifft es deshalb nicht. Ungewöhnlich, ausgefallen, bemerkenswert aber doch auch befremdend wäre wohl der treffendere Ausdruck. Jedenfalls ist jetzt wieder 10.36 und das Telefon klingelt.

Wie ich den Hörer abhebe, was so viel heisst wie auf die Taste mit dem kleinen grünen Telefonhörer drücken, ertappe ich mich dabei, dass ich auf den Anruf gewartet habe. Das ist jetzt echt kein Kompliment an mich, doch ignorieren kann ich diese Tatsache ja auch nicht. Ungeachtet meiner anfänglichen Wut und Skepsis habe ich mich offenbar schon darauf eingestellt, dass kurz nach halb elf mein Telefon klingelt. Sie müssen sich das einmal vorstellen. Ich sitze also auf der schönen alten Holzbank in meiner Küche, vor mir eine Tasse Tee, auf meinen Knien die noch ungelesene aber bereits aufgefaltete Tageszeitung und mir wird klar, dass die Anrufe ein Teil meines Morgens geworden sind. Augenblicklich komme ich mir vor wie in einem dieser fürchterlichen Filme, wo eine ältere Frau ganz alleine in einem Haus lebt, immer älter, kauziger und wortkarger wird und schliesslich nur noch mit sich und unsichtbaren Wesen spricht und alle haben Angst vor ihr, vor allem die Kinder, die sich aber immer wieder zu ihrem Haus schleichen und es als Mutprobe betrachten, wenn sie sich getrauen, an der Haustüre zu klopfen. Kennen Sie diese Art von Film? Sie sind immer etwas langatmig, zuerst harmlos, dann beklemmend, dann furchterregend und, je nach Ursprungsland, mit einem kitschigen Happyend oder einem traurigen und zum Nachdenken anregenden Schluss versehen. Bevor ich mir jedoch überlegen kann, mit welchem Schluss ich denn wohl in meiner eigenen Geschichte konfrontiert werde, höre ich mich zu meinem Erstaunen sagen, dass ich bereits auf den Anruf gewartet habe. Nein nein, habe ich das jetzt wirklich laut gesagt? Ich mach mir langsam Sorgen um meinen Gemütszustand, weiss offensichtlich nicht mehr, wann ich etwas denke und wann ich es laut sage. Aber jetzt ist es schon passiert und ich lehne mich mit dem Rücken an die Wand, nehme einen Schluck Tee und warte.

Heute höre ich kein Rauschen, ich höre Vögel zwitschern. Und ruhiges, regelmässiges Atmen, das ist schon vertraut. Friedlich ist es, so da zu sitzen und den Vögeln zuzuhören. Wie komme ich eigentlich darauf, dass es störend sein könnte, wenn ich spreche? Denn tatsächlich kommt es mir vor, als hätte ich eine Regel verletzt, eine Grenze überschritten oder mich nicht an eine Abmachung gehalten. Das ist absurd, denke ich gerade, als der Jemand am anderen Ende auflegt. Absolute Stille. Ich drücke den Knopf mit dem kleinen roten Hörer drauf, lege das Telefon auf den Tisch und trinke meinen Tee aus. Das Display zeigt 10.39 und lässt mich mit dem Gedanken zurück, dass es bizarr ist, jeden Tag mit jemandem am Telefon zu schweigen und das auch noch ganz alltäglich zu finden. Ich raffe die Zeitung zusammen, greife nach meinem Mantel und verlasse die Wohnung in Richtung See. Zeit, meinen Kopf auszulüften.
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