Namen

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Es ist eine freudige Nachricht, die wir an diesem Sonntagmorgen auf charmante Weise zu hören bekommen. Es wird Nachwuchs geben, wir sind schwanger. Also natürlich nicht wir alle, aber Judith, Judith ist schwanger. Was passt denn besser an diesen Ostertisch als eine so wunderbare Nachricht. Es wird munter geküsst und umarmt, jede und jeder drückt die werdende Mutter an sich und die drei Kleinen, die sich längst mit dem Korb voller Schokoladeneier unter dem Tisch verkrochen haben, schauen verwundert und vielleicht einen Tick erschreckt auf das Gebaren der Grossen da oben. Was ist hier eigentlich los – diese Frage steht ihnen ins Gesicht geschrieben, doch die Aufmerksamkeit für die Ereignisse über dem Tisch ist von kurzer Dauer, zu verlockend die kleinen Köstlichkeiten, die es mühsam aus dem glänzenden Silberpapier zu pellen gilt.

Judith blickt hilfesuchend zu Martin, der ihr beruhigend zuzwinkert. Alles in Ordnung, das ist so in unserer Familie, wir sind immer etwas zu überschwänglich und laut, ja, ja und es ist schon etwas ermüdend, du hast recht, sagen seine Augen. Alle wollen wissen, wann es denn soweit ist, Sommer? Kann ja fast nicht sein, oder doch? Fragen und Lachen, klirrende Gläser und Trinksprüche. Nein, ich trinke wirklich keinen Prosecco, auch nicht zu diesem speziellen Anlass – Judith kann sich nur mit Mühe durchsetzen und das ist der Moment, wo mich dieses ganze Gerangel bereits etwas nervt. Lasst sie doch und überhaupt…Wieder ist es Martin, der die Wogen glättet, seine Freundin umarmt und damit die Aufregung dämmt.

Olga sitzt in ihrem dunkelgelben Ohrensessel und strahlt. Sie hat schon seit längerem kein Wort mehr gesagt, schaut einfach in die Runde. Es wird ihr sechstes Urenkelkind sein und ich kann ihr ansehen, dass sie schon etwas stolz ist und sich gleichzeitig ein bisschen wundert über das laute Durcheinander in ihrer Stube. Annina legt ihr den Arm um die Schultern und schaut sie grinsend an. Was meinst du, Grosi, wird es ein Knabe oder ein Mädchen? Dieser Faden wird augenblicklich aufgenommen und es entspinnt sich eine wilde Raterei, was jetzt wohl zu Judith und Martin besser passen würde und wer denn lieber einen Cousin, eine Enkelin oder einen Neffen hätte. Moritz streckt seinen Kopf unter dem Tisch hervor und meint, er hätte lieber einen Bruder, doch Eveline ist ja gar nicht in Erwartung und Moritz ist dann total enttäuscht, dass er sich jetzt nichts wünschen kann. Die kleine Lily zeigt sich auch kurz und versucht zum hundertsten Mal, ihre Eltern davon zu überzeugen, dass sie sowieso am liebsten ein Kätzchen hätte, was unter dem Tisch ein lautes Kichern hervorruft. Keine Katze, nein, vielleicht, wenn du dann in die Schule kommst. Das überzeugt Lily freilich nicht und sie bringt das bestechende Argument, dass sie für ihre Katze schon einen Namen habe, egal ob es ein Junge oder ein Mädchen sei. Das kann wiederum Stella nicht so stehen lassen, sie schwingt ihren Zopf über die linke Schulter und belehrt uns alle, dass es bei den Tieren nicht Jungen und Mädchen seien, sondern Männchen oder Weibchen. Was sofort ein Geplänkel zwischen Martin und Adrian zur Folge hat, da Martin seinen Bruder damit aufzieht, dass seine Tochter doch zuerst die weibliche Form bringen sollte und nicht die männliche und jetzt wird es Olivia zuviel und sie sagt laut und deutlich, dass dies jetzt doch echt egal sei bei einem 6jährigen Mädchen. Unsere Familie ist manchmal wirklich etwas chaotisch. Und anstrengend.

Und wie soll’s denn heissen? Das Kleine? Habt ihr euch schon Namen überlegt? Also ich finde Mathilda ganz toll. Was, Mathilda? Das ist doch ein ganz schrecklicher Name! Ich hatte eine Mitschülerin in der ersten Oberstufe, die Mathilda hiess und sie war eine berechnende, feige und ziemlich dumme Zicke. Wie kann man jemanden Mathilda taufen wollen? Und überhaupt, taufen. Nein, jetzt nicht schon wieder diese Diskussion übers Taufen! Also, ich finde Mathilda wunderschön, es gibt doch so ein Lied über Mathilda…wie geht das schon wieder…

Und damit ist die Namenssuche definitiv lanciert, denn Namen nach Liedern auszusuchen, das passt ganz gut zu unserer Familie. Adrian zückt seinen iPod und sogleich sind wir wie von Zauberhand damit beschäftigt, in unseren Playlists Songs zu suchen, die einem Namen resp. einer Person gewidmet sind. Es ist schon ein erstaunliches Bild, wie alle auf ihre Smartphones starren. Und diese Stille! Sie währt nicht lange, dann kommen im Sekundentakt die ersten Namen: Angie von den Stones (ein ehrfurchtsvolles Aah von allen), Louise von Bonnie Raitt (das war ja klar!), Josephine von Chris Rea (wer ist Chris Rea, fragt Annina ganz verwundert), Julia von den Beatles (lautes Aufstöhnen von Martin), Caroline von Lou Reed (das heisst Carolind SAYS…ja, ja, das wissen wir), Zoe von Eminem (wer hat das gesagt – also ehrlich), Roxanne von Police (worauf Martin und Adrian im Chor laut GENAU sagen), Natasha von Rufus Wainwright (ganz sicher nicht, kommt es zischend von Eveline), Valerie von den Monkees (schallendes Gelächter).

Das sind alles Mädchennamen, wirft Judith etwas schüchtern ein, und wenn es ein Junge…Weiter kommt sie nicht, denn sofort reden alle gleichzeitig und Judith schaut resigniert zu Olga hinüber, als bekäme sie von ihr etwas Schützenhilfe. Es war doch nur eine Feststellung, dass dies alles Mädchennamen sind. Gibt es auch Songs über Männer? Betretenes Schweigen, und dann die ruhige Stimme von Johannes: Hey Joe von Jimi Hendrix. Nennt ihn Joe, Joe ist einfach gut. Oder, offensichtlich ist auch Adrian fündig geworden, Fred, wie Fred vom Jupiter von…wie hiess der schon wieder? Tom, oder Major Tom von Peter Schilling (woher weisst du denn, von wem das ist?), Alex, hier kommt Alex von den Toten Hosen (NEIN! Nicht! ALEX! Das ganz unerwartet heftig von Olivia), Johnny von Rosenstolz (wiederum Ächzen von Martin), Rolf von Patent Ochsner (ja vor allem Rolf, seid ihr verrückt geworden!), Hanspeter von Züri West – und genau in diesem Moment hat Judith genug.

Sie schiebt ihren Stuhl zurück, steht hastig auf, hält sich die Hand vor den Mund und rennt aus dem Zimmer. Sie war plötzlich etwas bleich, meint Olga noch, dann stürzt Martin hinter Judith her und wir hören nur noch die unappetitlichen Geräusche aus dem unteren Bad. Ja, wir sind schwanger, zum Glück nicht wir alle. Wir freuen uns sehr und sind wirklich gespannt, ob es ein Mädchen, ein Junge oder ein Kätzchen wird.

(Waltzing Matilda, Tom Waits, live 1977)
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